Jan Teunen Der Geschmack des
Designs – Kriterien des guten
Geschmacks
„Alles echte Leben ist Begegnung“, so Martin Buber. Wie wahr!
Von einer Begegnung, die mein Leben verändert hat, und ihren Spätfolgen handelt dieser Textbeitrag.
Ende der 1970er Jahre nahm ich vor einer Geschäftsreise in die Schweiz Kontakt mit dem damaligen Direktor des Kunstmuseums Basel auf, mit Franz Meyer, dem Schwiegersohn von Marc Chagall. Zuvor war es mir erfolgreich gelungen über einen Kontakt zum damaligen Direktor des Stedelijk-Museums Amsterdam einige Arbeiten meines Freundes Heinz te Laake in der dortigen Sammlung unterzubringen. Ich dachte mir etwas übermütig, was in Amsterdam gelingt, muss auch in Basel möglich sein.
In der Schweiz angekommen wurde der ausgemachte Termin eine Stunde vor der Begegnung aus wichtigem Grund abgesagt. Meine Enttäuschung war groß, nicht zuletzt deswegen, weil ich damals noch nicht wusste, dass etwas nicht zu bekommen, was man gerne hätte, manchmal das größte Geschenk ist. Dieses Geschenk wurde eine Stunde nach der Enttäuschung „übergeben“: Ich ging an die Bar des Hotels, in dem ich wohnte, stellte mich enttäuscht an den Tresen, bestellte ein Getränk und wurde Zeuge eines Dialoges, den ein attraktives Paar neben mir führte.
„Ich verstehe die Menschen nicht“ sagte der Mann, „alle finden die aufgehende Sonne schön, und kaum jemand findet Gefallen an meiner Arbeit, obwohl beides die gleiche Intensität an Schönheit hat.“
Ich bat den Barkeeper, meinen Nachbarn etwas zu trinken anzubieten. Der Mann drehte sich zu mir um, bedankte sich für das Getränk und fragte, was mich zu dieser Großzügigkeit veranlasst hat.
„Es war Ihr Dialog“ antwortete ich. „Ich war so unhöflich, zu lauschen, und dadurch habe ich den Eindruck gewonnen, dass Sie ein nicht verstandener Künstler sind. Ich versuche, etwas für Künstler zu tun, und wer weiß, kann ich auch etwas für Sie tun.“
„Das ist interessant“ sagte mein Nachbar und fragte: „Was machen Sie denn so?“
Nach einem kurzen Gespräch forderte die Frau ihn auf, sich endlich vorzustellen. Ich war überrascht. Er war der bereits weltberühmte Schweizer Künstler Jean Tinguely. Natürlich brauchte er meine Hilfe nicht. Wir wurden aber Freunde und haben im Dialog die Themen der Akzeptanz, der aufgehenden Sonne und der Ablehnung seiner Arbeit vertieft, was bei mir zu so etwas wie einer Erleuchtung geführt hat.
Ich lernte aus dieser Begegnung, dass wir Menschen ambivalente Wesen sind, Geschöpfe der Natur und der Kultur. Alles Natürliche nehmen wir, weil wir selbst Teil der Natur sind, von innen nach außen wahr. Ganz selbstverständlich, ohne dass es einer Erklärung bedarf. Bei der Wahrnehmung kultureller Phänomene ist es genau umgekehrt. Sie nehmen wir von außen nach innen wahr. Um sie zu verstehen, brauchen wir zusätzliche Information. Seitdem ist diese einfache Erkenntnis für die Kommunikation meiner Inhalte und für die meiner Auftraggeber von großem Nutzen.
Seit dieser Zeit beschäftigt mich dieses Thema intensiv. Diese Beschäftigung hat dazu geführt, dass ich den Beruf gewechselt habe: vom Exportmanager einer Weinbrennerei zum Design-Verleger und vom Design-Verleger zum Cultural Capital Producer.
Wie man zur Geschmacksbildung beitragen kann, damit Menschen mehr Nutzen vom Design haben, das beschäftigt mich seitdem, und dieses Thema beherrscht auch die regelmäßigen Begegnungen mit meinem Freund, dem Berliner Philosophen Hajo Eickhoff, mit dem mich seit Beginn der Jahrtausendwende eine fruchtbare Zusammenarbeit verbindet.
In den nachfolgenden Jahren haben wir unsere Gedanken hierzu niedergeschrieben, und diese will ich nun mit den Lesern von Architecture Preview teilen.
I. Die Natur
Der Geschmack der Natur
Welt ist Natur. Ursprünglich. Das Sein von Mineralien, Pflanzen und Tieren. Dinge, Gegenstände, Objekte kennt die Natur nicht. Erst mit dem Menschen betritt aus dem Natur- und Tierreich heraus ein Lebewesen die Welt, das Kultur schafft – einen Entwurf gegen die Natur, eine Gegenwelt der Dinge und des Geistes.
Die Natur kommt zum Menschen durch die Sinnesorgane. Durch Nase und Auge, durch Tastorgan und Schmerzsinn, durch Tiefensensibilität, Ohr und Zunge. Die Elemente der Natur, die potenziell Nahrung sind, werden mit dem Geschmackssinn geprüft – dem Zusammenspiel von Zunge, Gaumen und Nase. Die Prüfung gilt der Verträglichkeit und der Bekömmlichkeit. Nahrung ist verträglich, wenn sie nicht giftig ist, bekömmlich, wenn sie nicht giftig ist und darüber hinaus Energie liefert und Nährstoffe enthält. Einen guten Geschmack hat Nahrung, wenn sie das Geschmacksorgan erfüllt, was von unterschiedlichen Kriterien abhängt, bei denen Tradition, Gewohnheit und die Differenziertheit (Feinheit) des Sinns eine Rolle spielen.
Alles von Menschen Hergestellte ist ein Ding. Keine Natur, sondern umgeformter Naturstoff. Gestaltung. Design. Ding und Design sind untrennbar, von Anbeginn an, denn der Mensch ist ein Wesen der Gestaltung, das seinen Erzeugnissen eine Gestalt gibt und nur geben kann. Kein Ding ohne Design.
Wie die Naturstoffe kommen auch die Dinge zum Menschen durch die Sinnesorgane. Sie sind die Einfallstore für Materialität, Qualität und Design der Dinge.
Ding und Natur werden durch den Geist bearbeitet, der die wahrgenommene Natur und die wahrgenommenen Elemente Materialität, Qualität und Design der Dinge bearbeitet. Er begleitet die Sinneswahrnehmungen nicht nur, sondern gibt ihnen eine den Menschen angemessene Struktur. So wird der Geschmack aus den Komponenten Naturstoff, Ding, Geschmackssinn und Geist erzeugt und als Norm an nachfolgende Generationen weitergeben, so dass jede Kultur und jede Kulturphase eine eigene Welt des Geschmacks erhält, die im Speiseplan und in typischen Dingen ihren Ausdruck findet.
Der Mensch wird durch die Natur erzogen, gebildet, verändert, indem er sie hört, sieht, ertastet, schmeckt, sich einverleibt und erkennt. Mit der Umwandlung der Natur in eine Dingwelt gewinnen auch die Dinge Einfluss auf den Menschen, indem sie seine Sinne, sein Denken und Fühlen modifizieren und sein Wissen und Können erweitern.
Das macht einerseits deutlich, dass der Geschmackssinn über Leben und Tod entscheiden kann und für das Überleben eine große Bedeutung hat, andererseits wird verständlich, wie der Geschmack zu einem Begriff für alle anderen Sinne und zu einer Metapher für Kultiviertheit und Bildung werden konnte. Seitdem spricht man einem Menschen, der wohltuende Wahrnehmungen wie wohlklingend, wohlanfühlend, wohlriechend, wohlhandelnd und wohlurteilend als ein Wohl erkennen und wahrnehmen kann, guten Geschmack zu.
Anwendungsbereiche des guten Geschmacks sind Mode und Möbel, Nahrung und Architektur, Werke der Kunst und Gebrauchsgüter aller Art. Guten Geschmack haben bedeutet, sicher durch diese Welten zu gehen. Durch die Welt der Nahrungsmittel ebenso wie durch die Welt der Sinne, des Geistes und die Welt des Design. Guten Geschmack haben heißt vertrauend gehen, sicher urteilen, gut in der Welt wohnen.
Natur und Design
Die moderne Warenwelt ist eine unermessliche Ansammlung von Objekten. Von Dingen und Design. Unüberschaubar. Chaotisch. Verunsichernd. Geräte und Maschinen, Medien und Werkzeuge, Apparate und Aggregate. Sie finden sich in Schaufenstern, auf Bühnen und in Auslagen und warten darauf, gekauft und verbraucht zu werden. Wie locken und verführen sie die Menschen? Unter welchen sachlichen, geistigen und moralischen Bedingungen gelangen die Massen an Gütern zu den Massen von Menschen? Gibt es Kriterien, Merkmale und Unterscheidungszeichen, nach denen Güter geprüft und ausgewählt werden.
Es ist Aufgabe der Gemeinschaft – der Schule, Eltern und beruflichen Einrichtungen –, jungen Menschen die Fähigkeit zu geben, aus dem immensen Güterangebot das Geeignete auswählen zu können, denn für die Entwicklung des Menschen ist es von grundlegender Bedeutung, mit welchen Dingen er aufwächst – mit Gütern wie Teekannen und Radios, Pinseln und Automobilen, Lampen, Tischen und Ohrringen, Tassen, Kleidern und Zitronenpressen, Füllfederhaltern und Computern, Hemden und Maschinen, Brillen, Schuhen und Handtaschen, Mobiltelefonen und Stühlen, Büchern, Rasierklingen und Hüten. Doch gegenwärtig tragen diese Institutionen wenig zur Ausbildung des guten Geschmacks bei, denn sie schaffen keine Alternativen dazu, dass die Medien die Sinne überfrachten, begrenzen und abstumpfen. Abgestumpfte Sinne führen zur Geschmacklosigkeit und wer nicht schmecken kann, keinen Geschmack hat, gilt als stumpfsinnig.
Von größerer Bedeutung für den Menschen ist, mit welcher Qualität der Objekte des Nutzens und der Lust er aufwächst und mit welchem Design. Die Güter der modernen Welt sind größtenteils Massenprodukte von schlechter Qualität und schlechtem Design – Mittelmäßigkeit, die desorientiert. Die Desorientierung wird dadurch verstärkt, dass viele Güter nicht nur in zahllosen Marken und von derselben Marke in mannigfachen Güteklassen vorkommen, sondern dass sie in einem Tempo weiterentwickelt werden und innerhalb eines Jahres ein halbes Dutzend Varianten nach sich ziehen, dass ein permanenter Innovationsdruck besteht, der die Produkte einem hohen moralischen Verschleiß unterwirft: Sie sind nicht verbraucht und funktionieren noch, werden aber nicht mehr geliebt, weil Marketing und Medien permanent Bedürfnisse nach aktuelleren, moderneren und leistungsfähigeren Erzeugnissen wecken. In der Situation erhebt sich die Frage nach den Kriterien, nach denen Menschen ihre Wahl treffen. Treffen könnten oder sollten, denn gutes Design hat eine grundlegende individuelle, gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung.
Wie Produkt und Design
in die Natur gelangen
Dinge sind grundsätzlich Produkte. Erzeugnisse des Menschen. Sie sind das mit der Hand aus der Erde Hervor-geführte, das Pro-ducere – hervor (pro) und führen (ducere). Mit der Umwandlung der Natur durch die menschliche Hand beginnt die Evolution der Dinge und mit ihr die Evolution des Design. Das der Natur Entnommene, Entführte gehörte einst den kosmischen Mächten und musste sorgsam behandelt werden. Es war dieses sorgfältige Produzieren, das die Dinge in den Rang des Kostbaren erhob. Vom schonenden Umgang mit der Natur leitete sich das Schöne ab, denn die Schönung der Dinge war die Schonung der Natur. Schönheit und Schonung sind noch heute Ausdruck des guten Geschmacks, der die ursprüngliche und Schutz gebende Weise des Menschen war, in der Natur zu sein und mit ihr umzugehen.
Da jedes von Menschenhand erzeugte Produkt immer Gestalt hat und Form, ist es immer auch Design, das so alt wie Ding und Produkt und damit so alt wie die Menschheit ist. Design lässt sich eingliedern in den Willen, den Zwang und die Lust des Menschen zur Gestaltung.
Teil 2 lesen Sie in der nächsten Ausgabe der Architecture Preview.
